Trotz beispielloser Fortschritte in Medizin und Therapie, Prognose und Prophylaxe hat die Pandemie die Komplexität und Verletzlichkeit des menschlichen Systems offengelegt. Die wechselseitigen Beziehungen zwischen Körper und Geist haben viele Ebenen, neue therapeutische Ansätze versuchen in den Zwischenräumen zu arbeiten und selbige zu nutzen. Doch seit Langem beleuchten auch Kunstschaffende diesen Bereich, insbesondere die Situation sogenannter „vulnerabler Gruppen“. Eine Zeitlang waren diese Themen in aller Munde, um dann nach dem offiziellen und lang ersehnten Ende der Pandemie wieder in den Hintergrund zu treten und von „Normalität“ überlagert zu werden.
Mythos Normalität
Aber was ist diese neue Normalität? Dr. Gabor Maté, der renommierte ungarisch-kanadische Arzt, beschreibt die Widersprüche jenes Konstruktes in seinen Bestsellern treffend als „Mythos Normalität“, denn natürlich bedeuten die Normen einer Mehrheit per se Ausgrenzung. Die Pandemie hatte offenbar eine Chance für einen grundlegenden gesellschaftlichen Wandel eröffnet – eine Chance zur Empathie, zur Neujustierung, die wir weitgehend verpasst haben.
Mit den Mitteln der Kunst
Das Programm des Kunstverein Hannover konzentriert sich auf Phänomene, die durch die künstlerische Linse deutlicher als durch andere Perspektiven sichtbar gemacht werden können. Die außerordentlichen Fragen, die gerade Künstlerinnen und Künstler stellen, erlauben das Imaginieren des Strukturwandels und der Solidarität, die in unserer Welt noch nicht Realität geworden sind.
Gerade vor dem Hintergrund des Erstarkens rechtspopulistischer Kräfte in Deutschland und anderswo, die auf Vereinfachung und Polarisierung als Schlüsselstrategien setzen, ist es dringend notwendig, mit den Mitteln der Kunst denjenigen Stimmen Gehör zu verschaffen, die den tatsächlichen Wandel in der Gesellschaft vorantreiben: Den Stimmen von Künstlerinnen und Künstler, die sich seit geraumer Zeit mit Multispezies-Koevolution, Myzelien, nichtmenschlichen Wesen, alternativer Geschichtsschreibung, Hypothesen, Hypnose, olfaktorisch-haptischen Ansätzen, Aphasie und Krebstherapie, Prothesenforschung, Gruppenritualen und kollektivem Gedächtnis, Trauma, Spiel, Sport und Ableismus beschäftigen.
Programm 2024–25: I hope this finds you well